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Püppi lag schon viele Tage am Strand. Die heiße Mittagssonne hatte sie fast verbrannt. In den kühlen Nächten erstarrten ihre Glieder. Regen prasselte auf sie nieder. Püppi war nicht mehr das süße Püppchen, mit dem Puppenmutti so gern gekuschelt hatte. Ihre blonden langen Haare waren zerzaust, das Kleid zerrissen. Sie hatte nur noch einen Schuh und das einstige Weiß der Söckchen war nur noch zu erahnen. Am schlimmsten aber war der Sand. Die feinen Körnchen krochen in jede noch so kleine Ritze. Sie spürte ihn in ihren Augen, in den Gelenken, in ihrem Körper. Püppi wollte weg hier, nur weg.

Da kam ein Junge vorbei. Er sah wie ein Pirat aus, mit seinem weißen Hemd und der blauen Hose. In seiner Hand hielt er einen Stock, den er wie ein Schwert hin und her schwenkte. Immer wieder forderte er einen unsichtbaren Feind zum Kämpfen auf. Püppi fasste sich ein Herz und rief so laut sie konnte: „Nimm mich mit! Nimm mich mit!“ Aber der Junge sah sie nur verächtlich an: „Ich spiele nicht mit Puppen. Ich bin ein Junge!“ Er stupste sie mit seinem Stock ein Stückchen weg, drehte sich um und lief weiter kämpfend wieder davon.

Einige Tage später kam ein Mädchen daher. Sie hatte eine große rote Schleife in ihrem langen Haar. Ihr gelbes Kleid glänzte wie die Sonne und in ihrem Arm trug sie einen kleinen weißen Plüschhund mit schwarzen Knopfaugen. Der Hund wackelte mit Kopf und Schwanz und bellte: „Wau, wauwau!“ Wenn er aufhörte zu bellen und sein Kopf und Schwanz nicht mehr zappelten, drückte das Mädchen auf einen Knopf und das Wackeln und Bellen begann von vorn. Püppi sah das Mädchen und nahm allen Mut zusammen, als sie rief: „Nimm mich mit! Nimm mich mit!“ Das Mädchen sah kurz zu Püppi herunter, trat sie mit dem Fuß zur Seite und flüsterte ihrem Wackelhund ins Ohr: „Diese olle Puppe sieht aber hässlich aus. Sie kann ja nicht einmal weinen oder laufen oder sonst was. Die ist nur eine alte einfache Puppe! Mit so was spielt man doch nicht mehr!“

Als Püppi das hörte, wurde sie noch trauriger und wenn sie ein Kind gewesen wäre, hätte sie bestimmt geweint. Aber Püppi konnte nicht weinen. Sie war nur eine

einfache alte Puppe. Sie würde wohl für immer am Strand liegen, bis der Sand und das Wasser sie ganz zerstören würden.

Doch das Schicksal hielt eine andere Zukunft für sie bereit:

Eines Tages, dicke Regenwolken zogen sich schnell zusammen, der Wind frischte auf und bald würde es anfangen zu regnen, da hörte Püppi ein leises Wimmern und Weinen. Es klang so herzzerreißend, dass Püppi aufhorchte und sich versuchte so groß wie möglich zu machen. Das fällt einer Puppe natürlich schwer. Aber sie sah ein kleines Mädchen das leise vor sich hin wimmerte: „Nimm mich mit! Nimm mich mit!“ Püppi fiel ohne nachzudenken in das Rufen ein: „Nimm mich mit! Nimm mich mit!“ Das Mädchen hörte die Puppe, lief zu ihr und gemeinsam riefen sie lauter und lauter: „Nimm mich mit! Nimm mich mit!“ Das hörte die Mutti des Mädchens und kam auf sie zu. Sie umarmte glücklich ihr kleines Mädchen, das sich beim Spielen verlaufen hatte, nahm es auf den Arm und wollte mit ihr gemeinsam nach Hause eilen. Die ersten Regentropfen prasselten auf sie herab, aber das Mädchen blickte sich um und sah Püppi in die traurigen Augen. Aus Püppis Mund kam kein Laut und doch verstand das kleine Mädchen was ihr Mund und ihre Augen flüsterten: „Nimm mich mit! Nimm mich mit!“

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